Von Bienen und Bomben: Die Atari ST-Serie
Atari 520ST

Einführung

Als sich Commodore-Gründer Jack Tramiel und Mitinhaber Irving Gould Anfang 1984 über den weiteren Kurs der Firma zerstritten — Tramiel wollte einen neuen 16-Bit-Computer auf den Markt bringen und Gould unbedingt am erfolgreichen Commodore 64-Konzept festhalten —, verließ Tramiel die Firma im Januar und warb im Lauf der kommenden Wochen und Monate immer mehr Ingenieure und andere Mitarbeiter von Commodore ab, darunter auch den C64-Entwickler Shiraz Shivji. Die Entwicklung des ST begann im Mai 1984 auf dem Küchentisch in Shivjis Haus in Pennsylvania und basiert auf einem Entwurf eines tragbaren Rechners auf Basis des 68000 mit FORTH vom Atari-Inc.-Angestellten John Tittsler. Tramel Technologies Ltd., so der Name der neuen Firma Tramiels, wollte einen neuen 16-Bit-Computer entwickeln, der zu einem unschlagbaren Preis in den Massenmarkt kommen sollte – der Codename dieses neuen Systems war daher zu Anfang auch Rock Bottom Price, kurz RBP. Als dann TTL Ende Juni die angeschlagene Consumersparte Ataris von deren Mutterfirma Warner Communications aufkaufte und mit dieser am 11. Juli zur Atari Corporation fusionierte, war die Entwicklung des Computers bereits weit vorangeschritten. Von Tittslers Entwurf wurde unter anderem die Tastatur verwendet. Weitere Teile wurden mittels CAD an einem Cray Supercomputer mit Mentor Grafikkarte entwickelt, darüberhinaus kamen mehrere von Atari übernommene VAX 11/780-Rechner zum Einsatz, ebenso eine DAISY Workstation und eine IKOS, auf der die Hardwaresimulationen durchgespielt wurden (auf der IKOS dauerte eine Simulation 15 Minuten, eine vergleichbare Simulation auf einer VAX hätte satte 19 Stunden in Anspruch genommen). Anfangs stand noch nicht fest, ob man auf dem bereits 1979 erschienenen Motorola 68000-Prozessor oder auf dem National Semiconductor 32016 von 1980 aufbauen sollte, da letzterer aber starke Lieferschwierigkeiten hatte, erledigte sich diese Frage bald darauf von selbst. Auch die Frage nach dem Betriebssystem und der grafischen Benutzeroberfläche war anfangs noch alles andere als geklärt. Neben dem Graphics Environment Manager (GEM) der Firma Digital Research wurde auch die erste Version von Microsoft Windows in Betracht gezogen. Nachdem die Atari-Entwickler allerdings feststellten, dass das System noch mehr als unausgereift war, fiel die Wahl schließlich auf GEM. Schon im September 1984 wurden die Rechner der nun Atari ST (für Sixteen/Thirtytwo, nach dem externen (16-Bit) und internen (32-Bit) Datenbus) getauften Serie in groben Zügen angekündigt, eine offizielle Ankündigung folgte auf einer Pressekonferenz am 13. November 1984. Zu dieser Zeit scheiterten gleich drei Firmen an der Entwicklung des Direct Memory Access-Chips (DMA) – ein Entwurf als Gate Array fiel gleich von vornherein durch, eine Firma gab schon vor dem Abgabetermin auf. Schließlich wurde der DMA von Atari innerhalb von nur 14 Tagen vom 28-jährigen Chefentwickler John Hoenig selbst fertiggestellt. Im Januar 1985 wurde der noch nicht ganz fertige ST auf der Winter Consumer Electronics Show in Las Vegas der Öffentlichkeit vorgestellt. Das damals hochmoderne Design der gesamten Serie stammt aus der Feder von Industriedesigner Ira Velensky, der sich schon mit dem Design von beispielsweise Bushaltestellen-Schildern oder der Computermodelle Commodore Plus/4 und P500 einen Namen machte .

Die Marketingstrategie Ataris unterschied sich in dieser Zeit massiv von der ab 1989 verfolgten Strategie, Geräte erst anzukündigen bzw. vorzustellen, wenn sie so gut wie produktionsreif sind. Mitte bis Ende der 1980er Jahre stellte Atari etliche Produkte vor oder kündigte diese an, obwohl viele noch nicht zur Serienreife fertig entwickelt wurden. So wurde bereits 1984 ein 32-Bit-Computer für das folgende Frühjahr angekündigt, obwohl der dafür geplante Prozessor National Semiconductor 32032 noch gar nicht lieferbar war, Mitte 1985 ein CD-ROM-Laufwerk und diverse andere Massenspeicher. Immer wieder war auch von einem Hardware-MS-DOS-Emulator die Rede, der im Endeffekt niemals erschien. Wenn auch viel wieder in der Versenkung verschwand oder teilweise stark geändert auf den Markt kam, so zeigte es doch, was die Entwickler mit dem ST für möglich hielten, viele Dritthersteller profitierten schließlich von den so aufgezeigten Möglichkeiten. Softwareseitig wurde auch über eine UNIX-Version nachgedacht, auch Multitasking mittels OS/9 sollte möglich sein, so Alfred Scherff, der damalige Manager Systemsoftware von Atari Deutschland. Auch die Gerüchteküche brodelte immer wieder, so verunsicherte 1987 das Gerücht, dass TOS eingestellt würde und stattdessen Microsoft Windows 2 zum Einsatz käme, den ein oder anderen Anwender. Festplatten wurden immer wieder hinausgezögert, da man Mitte der Achtziger noch der Meinung war, dass diese Technik schon bald von optischen Laufwerken und Disketten mit sehr hoher Speicherkapazität verdrängt würden. Schließlich begann man im Mai 1986 dann doch mit der Produktion von externen 20 MB-Platten.

Ab 1986 war die Nachfrage nach dem ST so groß, dass im ATMC-Stammwerk in Taiwan eine dritte Schicht eingeführt werden musste, was aber trotzdem nicht reichte. Auch bei Zulieferern wie GoldStar, die u.a. die SM124-Monitore für Atari produzierten, kam es immer wieder zu Engpässen. Wirkliche Konkurrenz hatte der ST am Anfang in seiner Zielgruppe nicht: Apples Macintosh lag preislich Welten entfernt vom ST, der Amiga wurde von Atari von vornherein nicht als Konkurrenz eingestuft, da dieser eine andere Zielgruppe bedienen würde (ein Entwurf eines 68000-Computers auf Basis der Amiga-Lorraine-Chips wurde von Shiraz Shivji als veraltet abgelehnt). Preislich können allenfalls die technisch wesentlich schwächeren 8-Bit-Systeme mithalten. Zu dieser Zeit stellte sich die Marktsituation im Computerbereich wie folgt dar: 70% des Marktes werden von IBM und IBM-Kompatiblen Rechnern beherrscht, eine AT-Welle ist gerade am Anrollen. Im Sektor der übrigen 30% schaffte es Atari in kürzester Zeit, sich zum Marktführer zu entwickeln. Die letzten kleinen Tastatur-STs wurden im April 1989 eingestellt. Eine geplante Wiederbelebung des "kleinen STs" war 1990 zwar mit dem ST Junior im Projekt Robin angedacht, wurde aber schon bald wieder verworfen.

Über die Jahre erschienen zahlreiche ST-Modelle, von kleinen Tastaturmodellen über Desktopgeräte bis hin zu mobilen Computern. 1989 wurde mit den STE-Modellen die Technik verbessert, um mit der Konkurrenz Schritt halten zu können – trotzdem war die Zeit der 16-Bitter da schon fast abgelaufen. Endanwender wandten sich zu Beginn der 1990er Jahre zunehmend den 32-Bit-Geräten mit 68030 oder i486-Prozessor zu. Die ST-Produktion wurde bis zum endgültigen Ausstieg Ataris aus dem Computermarkt im Jahr 1994 aufrechterhalten, zuletzt aber nur noch wenige Geräte abgesetzt.

   Schön … und was hat das jetzt mit Bienen und Bomben zu tun?

Ganz einfach: Die Biene ist in GEM das Symbol dafür, dass der Computer beschäftigt ist, ähnlich wie die Sanduhr unter Windows oder das Glücksrad in macOS. Und die Anzahl der Bomben kann dem Anwender helfen, das Problem zu identifizieren, das den Rechner oder das Programm soeben zum Absturz gebracht hat. Ganz frühe Versionen zeigen anstelle der Bomben eine bestimmte Anzahl von Atompilzen , was in Zeiten drohender Atomkriege keine allzu glückliche Wahl war und schon bei der ersten TOS-Revision im November 1985 geändert wurde (Monate vor dem Super-GAU im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl).

Atari 520ST
Letzte Bearbeitung: 25. September 2022