Atari und die Federated Group

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Die Elektromarktkette The Federated Group, hierzulande in etwa vergleichbar mit Media Markt oder Saturn, wurde 1970 in Los Angeles von Wilfred Schwartz gegründet, das 2300 m² große Haus galt als der erste „Elektro-Supermarkt“ überhaupt. Die Gruppe betrieb 67 Märkte mit etwa 2600 Angestellten in den US-Bundesstaaten Arizona, Kalifornien, Kansas und Texas und war damit landesweit der viertgrößte Anbieter.

Die Firma expandierte schnell, im Dezember 1984 wurden in Texas die ersten Märkte eingerichtet. Allerdings fielen diese Eröffnungen in die Zeit der durch die sogenannte „Ölschwemme“ der 1980er Jahre verursachte Wirtschaftsflaute in Texas, was der Federated Group finanziell letztendlich eher schadete als nutzte. 1985 kam zusätzlich Mitbewerber Circuit City ins Rennen. Im August 1987 begann die Gruppe, rote Zahlen zu schreiben, und Schwartz entschloss sich daher zum Verkauf.

Die Atari Corporation kauft am 23. August 1987 alle verfügbaren Anteile an der Kette für 67,3 Mio. Dollar. Hintergrund ist, dass sich Händler nach dem Crash von 1983 landesweit zieren oder gar weigern, Atari-Produkte in ihr Sortiment aufzunehmen – CEO Jack Tramiel ging daher eben den Schritt, eine Kette komplett aufzukaufen, um seine Produkte endlich in den Massenmarkt bringen zu können. Bis Oktober 1987 ist der Kauf unter Dach und Fach und die Federated Group eine 100-prozentige Tochter der Atari Corporation. Am 12. Oktober tritt die gesamte Vorstandschaft der Federated Group zurück und wird durch Personal von Atari ersetzt, neuer Präsident und CEO wird Jack Tramiels Sohn Garry. Im Januar 1988 verlässt Finanzchef Merrill Lyons die Federated Group, er wird durch Howard John ersetzt. Im März löst Ambrose LaRocco, bislang bei Celebrity Computing, Garry Tramiel als Präsident ab – Tramiel bleibt aber weiterhin CEO der Kette. LaRocco wird die Gruppe aber nur wenige Monate später wieder verlassen und zu Costco wechseln. Im August 1988 soll das Marketing der Atari Computerprodukte in den Märkten angepasst werden, mit dieser Aufgabe wird Neil Harris betraut.

Im selben Monat reicht Atari dann Klage wegen Betrugs gegen Schwartz sowie gegen die Buchhaltungsagentur Ernst & Whinney und die Investmentbank Goldman Sachs vor dem Bezirksgericht San Jose ein mit der Begründung, ihnen sei die Gruppe 43 Millionen Dollar zu teuer verkauft worden. Im November 1988 übernimmt Atari die Gläubigerstellung über die Federated Group von fünf verschiedenen Banken unter der Pacific National Bank im Wert von 32 Millionen Dollar. Greg Pratt wird neuer Präsident der Kette als Nachfolger von LaRocco.

Nachdem die Zahlen der Firma nicht besser, sondern eher noch schlechter wurden – der Verlust belief sich im abgelaufenen Geschäftsjahr auf 85 Millionen Dollar –, zieht Atari am 9. März 1989 die Reißleine und bietet die Märkte zum Verkauf an. Märkte, die nicht den Eigentümer wechseln sollten, sollen bis Ende 1990 geschlossen werden. Unterdessen wird das Management ausgewechselt: James Fisher wird neuer Marketingchef anstelle von Neil Harris, Lewis Brown von Good Guys wird VP Merchandising und ersetzt Langer. William Turner von Bullocks/Bullocks löst Fountain als VP Store Operations ab und Howard Cohn wird neuer Finanzchef. Garry Tramiel bleibt weiterhin CEO. Am 4. April 1989 werden 15 der 58 noch bestehenden Märkte in Kalifornien, Texas und Arizona geschlossen, ebenso die Regionalverwaltung und das Regionallager in Dallas. Inventar und Personal gehen auf die Federated Verwaltung in City of Commerce und die Atari-Verwaltung in Sunnyvale über, etwa 400 Angestellte werden entlassen. Die Gruppe soll sich nun auf den Bereich Südkalifornien konzentrieren, wo sie 21 Filialen betreibt.

Im Juni 1989 erklärt die Federated Group, insgesamt 12,1 Millionen Dollar Entschädigungszahlungen an bis zu 15.000 Federated-Angestellte und –Bewerber zu zahlen, die sich in der Vergangenheit einem Lügendetektortest unterziehen mussten – eine Praxis, die laut Greg Pratt bereits kurz nach der Übernahme der Gruppe durch Atari abgeschafft wurde. Marketingchef James Fisher wechselt im Juli zur Computer Division der Atari-Inlandstochter Atari (U.S.) Corp. Richter Jack Mandel verdonnert Atari am 17. August am Orange County San Jose zu Schadensersatzzahlungen an Ex-Federated-Präsident und –COO Keith Powell in Höhe von 260.000 Dollar und Ex-Finanzchef Marrill Lyons in Höhe von 175.000 Dollar zuzüglich der einbehaltenen Lebensversicherungsanteile. Von weiteren Strafen gegen Atari sieht der Richter ab und Atari akzeptiert daraufhin das Urteil vorerst, reicht aber später Berufung ein.

Am 9. November 1989 kauft die Silo, Inc. aus Philadelphia 26 der 42 noch bestehenden Federated-Filialen auf, 21 davon in Los Angeles und dem Orange County, die übrigen fünf in San Diego. Über weitere 14 Märkte in Texas, Arizona und Kansas wird derzeit noch verhandelt, die übrigen zwei bleiben allerdings komplett außen vor, deren Schicksal ist bereits besiegelt. Donald Thomas wechselt zur Atari (U.S.) Corp. als Marketingchef für die Portfolio-Produkte. Nachdem die Verhandlungen über die übrigen Märkte erfolglos blieben, darunter auch jene, wonach Federated-Mitarbeiter einzelne Märkte von Atari aufkaufen wollten, wird die Schließung aller noch bei Atari verbliebenen Märkte beschlossen und das Inventar an Western Liquidations aus Salt Lake City verkauft – sehr zur Überraschung der Belegschaft, wie ein ehemaliger, namentlich nicht genannter Marktleiter 1989 gegenüber der Presse zu Protokoll gab. Die Schließung der Märkte soll innerhalb der nächsten vier bis fünf Monate abgeschlossen sein. Zu Jahresbeginn 1990 stellt die Federated Group ihren operativen Betrieb ein, Finanzchef Cohn entlassen und bis zur endgültigen Liquidierung durch Steven Kawalick ersetzt.

Im Prozess gegen die ehemaligen Manager der Gruppe und Goldman Sachs weist Richter James Ware vom nordkalifornischen Bezirksgericht im Juli 1990 die Gegenklagen gegen Atari auf Grund von übler Nachrede ab. Im Februar 1991 urteilt Ware, dass die Federated-Manager keinen Schadenersatzanspruch gegenüber der Atari Corporation geltend machen können. Im April urteilt er gegen Atari, was den Betrugsvorwurf angeht, aber erneut zugunsten von Atari in Bezug auf die Schadenersatzforderungen seitens der Manager.

Im Januar 1992 beantragen die Pfandbriefhalter Nathaniel Grey, Bernard Heerey sowie Harlene und Jay Pine vor dem nordkalifornischen Insolvenzgericht eine sogenannte Unfreiwillige Insolvenz nach Chapter 7 des amerikanischen Insolvenzrechts gegen die immer noch auf dem Papier bestehende Federated Group, im März schließt sich auch Pfandbriefhalterin Lana Grey dem Antrag an. Der Oberste Gerichtshof des Staats Kalifornien weist die Berufung Ataris gegen das Urteil zu Gunsten von Powell und Lyons vom 17. August 1989 im März 1992 in letzter Instanz ab. Im Juli 1992 kommen die Richter zum Urteil, dass Atari von Anfang an gewusst haben muss, dass ihnen die Federated Group weit über Wert angeboten wurde. Die Abweisung der Schadenersatzforderungen seitens Schwartz & Co. wird am 22. Juli 1992 revidiert und der Fall an das Bezirksgericht zurückgegeben, das abschließend die Kosten feststellen soll. Atari geht daraufhin in Berufung, dieser wird am 10. Dezember stattgegeben (Case 970 F.2d 641). Das Gericht entscheidet, dass das Urteil nicht bedeute, dass Atari gar keine Schadenersatzforderungen auf Grund von Vertragsbruch stellen dürfe.

Neun der ehemals unter Federated betriebenen Silo-Märkte werden im Januar 1994 geschlossen. Am 14. Oktober 1994 weist das Insolvenzgericht von Nordkalifornien den von den Pfandbriefhaltern Anfang 1992 eingereichten Antrag auf Unfreiwillige Insolvenz der Federated Group ab, woraufhin diese den Antrag beim Bezirksgericht erneut einreichen. Silo reicht im Dezember 1995 einen Insolvenzantrag ein und schließt alle Filialen.
Letzte Seitenaktualisierung: 27. August 2022