Werk XII
Wilhelmsburg
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Die Wilhelmsburg auf einer Postkarte aus dem Jahr 1904

Lage und heutige Nutzung
Die 200 × 130 Meter große Anlage hat die Adresse Prittwitzstraße 100 und liegt unmittelbar hinter der Wilhelmsburgkaserne auf der Kuppe des Michelsberg am Rande eines Wohngebiets. Die Firma High Solar nutzt einen Teil des Kehlturms und der rechten Kehle sowie das Dach der Front, ansonsten wird der Innenhof und ein Teil der Kasematten gelegentlich vom Ulmer Theater für Freilichtaufführungen genutzt. Die Bundeswehr nutzt den Innenhof bei hohen Besuchen oder wichtigen Anlässen, zu diesen Zeiten weht vom Kehlturm auch die deutsche Flagge statt der üblicherweise angebrachten Ulmer Stadtflagge. Der Förderkreis Bundesfestung Ulm e.V. bietet an jedem dritten Sonntag im Monat um 11:00 eine kostenlose Führung dort an.

Festungsteile in der Umgebung:

Werke der Bundesfestung:
- Werk XI Courtine zur Wilhelmsburg (südwestlich direkt anschließend)
- Werk XIII linke Courtine (nordwestlich direkt anschließend)
- Werk XVII rechte Courtine (nordöstlich direkt anschließend)
- Werk XVIII Courtine am Gaisenberg (östlich direkt anschließend)
- Werk XXXIV Fort Unterer Eselsberg (1,4 km westlich)
- Werk XXXVIII Örlinger Turm (1 km nordöstlich)

Friedensbauwerke 1901–1910:
- Infanteriestützpunkt Weinberge (2,3 km westlich)

Armierungsbauwerke 1914:
- Munitionsraum 6 (1,6 km nordwestlich)
- Pumpstation Lehrer Tal (1 km westlich)

Aufbau und Baugeschichte des Werks
Das stärkste Werk der gesamten Bundesfestung steht auf der Kuppe des Michelsbergs und wurde zwischen 1842 und 1849 unter dem württembergischen Major von Erhardt aus 300.000 Tonnen Kalkstein errichtet. Die Burg konnte mit bis zu 6.951 Mann belegt werden und diente gleichzeitig als Reduit der vorgelagerten Wilhelmsfeste. Das Werk ist aufgebaut aus zwei kurzen Flanken, einer langen Kehle mit Kehlturm (30 m Höhe, Grundfläche 1.800 qm), einer leicht geknickten Front sowie an deren Schultern je einem Flankenturm, insgesamt befinden sich etwa 570 kasemattierte Gewölbe in dem Gebäude, dessen 1,3 ha große Innenhof bequem Platz für das Ulmer Münster bieten würde. Das Werk ragt bis zu 30 m in die Höhe und steckt bis zu 25 m tief in der Erde, unter die Front sind etliche Gegenminenstollen gegraben. Die Erdbedeckung wurde in den 1920ern gegen ein Ziegeldach ausgetauscht. Im zweiten Weltkrieg wurde es auch von Bomben getroffen, woraufhin der Dachstuhl an einigen Stellen ausbrannte. Das Dach wurde nach dem Krieg zur Baumaterialgewinnung vollständig abgetragen, was dazu führte, dass die nun dachlose Wilhelmsburg sich mit Wasser vollsaugte. 1986 wurde ein Dach aus Zink-Titan-Blech errichtet und seit der Mitte der 1990er Jahre ist das Werk nahezu vollständig trocken. Der rechte Flankengraben wurde 2009 freigelegt und in den Festungsweg integriert.

Nutzungsgeschichte
Die Wilhelmsburg wurde im Lauf der Zeit von vielen Truppen genutzt. So zogen bei Fertigstellung die österreichische Festungsartillerie und das 6. Württembergische Infanterieregiment dort ein. 1866 zogen die Österreicher nach der Auflösung des Deutschen Bundes aus. 1871 zog das Württembergische Grenadierregiment „König Karl“ Nr. 123 dort ein, welches 1898 vom 2. Württembergischen Infanterieregiment „Kaiser Wilhelm“ Nr. 120 und dem 9. Württembergischen Infanterieregiment Nr. 127 abgelöst wurde. Nach dem 1. Weltkrieg zogen die 10., 11. und 12. Kompanie des III. Jägerbataillons des Infanterieregiments Nr. 13 der Reichswehr dort ein, 1935 das I. und II. Bataillon und die 13. Kompanie des Infanterieregiments Nr. 56 der Wehrmacht. Ab 1939 wurde die Wilhelmsburg nur noch wenig militärisch genutzt, im Jahr zuvor war der Ulmer Festungsstatus von der faschistischen Regierung aufgehoben worden. Es gibt Hinweise auf die Pionier-Ersatzkompanie Nr. 35 im Jahr 1939, das Infanterie-Ersatzbataillon Nr. 56 (1940 und 1941), das Bau-Ersatzbataillon Nr. 15 (1941) und das Grenadier-Ersatzbataillon Nr. 460 (1942). 1944/45 produzierte die Firma Telefunken dort und beschäftigte dabei polnische Zwangsarbeiter, für die Baracken im Innenhof errichtet wurden. Zum Gedenken an diese Nutzung wurde 1999 von der Stadt Ulm eine zweisprachige Gedenktafel neben dem Werkstor angebracht:

Zum Gedenken

August 1944 bis April 1945:
Über 1500 Frauen und
Männer aus Polen, davon
viele noch Kinder, wurden
unter dem nationalsoziali-
stischen Sonderrecht für
Zwangsarbeiter aus Lodz
in die Wilhelmsburg ver-
schleppt. Sie wurden in
Lodz und Ulm zur Kriegs-
produktion elektronischer
Röhren für die Firma
Telefunken gezwungen.

1. September 1999, Stadt Ulm
Pamięci

Ponad 1500 polskich robot-
ników przymusowych - dzie-
ci, kobiet i mężczyzn - upro-
wadzonych w sierpniu 1944
na mocy narodowo-socjali-
stycznego prawa specjalne-
go z Łodzi do Ulm i więzio-
nych w Wilhelmsburgu do
kwietnia 1945. Tak w Łodzi
jak i w Ulm zmuszano ich
do produkcji lamp elektrono-
wych dla potrzeb wojennych
w zakładach Telefunken

1 września 1999, Miasto Ulm


Nach dem zweiten Weltkrieg diente die Wilhelmsburg bis 1956 als Notunterkunft für ausgebombte Ulmer und für Flüchtlinge. Es entstand schon bald eine eigene Gesellschaft mit eigener Infrastruktur (neben dem nördlichen Werkstor gab es beispielsweise einen „Konsum“-Laden), in der zeitweise über 3.000 Menschen lebten. Wohn- und Geschützkasematten wurden in dieser Zeit notdürftig zu Wohnungen umfunktioniert, in einer Kasematte schliefen bis zu zehn Menschen auf engstem Raum. 1956 wurden die restlichen Bewohner in die ehemalige Gaisenbergkaserne umgesiedelt und die Bundeswehr zog mit dem II. Korps dort ein. Soldaten wurden bis Mitte der 1970er Jahre dort untergebracht, bis die Räume auf Grund der Feuchtigkeit endgültig unbewohnbar wurden. 1986 ließ die Bundeswehr ein neues Dach aufsetzen und verkaufte die bis dahin zur Wilhelmsburgkaserne gehörende Burg für den symbolischen Preis von 1 DM an die Stadt Ulm. Seitdem steht sie weitestgehend leer.
Weitere Bilder

Blick vom Ulmer Münster zum Michelsberg, in der oberen Bildmitte die Wilhelmsburg


Alte Uhr an der Innenseite der Front. Die Welle, die die Uhr antrieb, verschwand nach dem
zweiten Weltkrieg spurlos.


Innenhof Richtung Südosten mit dem massiven Kehlturm


Ehemaliger „Konsum“ in der Front


Abgang zu den Gegenminen-
stollen unter der linken Front


Gegenminenstollen


Im linken Kehlgraben


Blick auf den rechten Kehlgraben und
den Kehlturm mit der Stadtflagge


Kehlturm vom Innenhof


Innenhof des Kehlturms. Die Betonstreben
dienten einst dem Halt eines Wasserbehälters


Rechtes Kehleck und rechte Flanke mit Flankenturm


„Bitte eintreten“ war aber anders gemeint…
Blick in eine nach dem Krieg als Wohnung genutzte Geschützkasematte


Rampe im Kehlturm, diese konnte
mit Zweispännern befahren werden, so
wurden alle Stockwerke mit Waffen und
anderen Sachen versorgt.


Waschraum, die Duschen und der Boiler stammen aus der Zeit, als die Reichswehr die Burg nutzte


Nördliches Werkstor


Südliches Werkstor


Wohnkasematte


Galerie, links eine Geschützkasematte


weitere Galerie in der Kehle


Noch ein Blick in eine Wohnkasematte, hier mit Fenstern statt Holzverschlag


Kehlturm von Südosten im Winter


Kehlturm vom Aussichtsturm aus gesehen


Abschlusstürmchen mit Schlussstein auf dem Kehlturm


Holzverschlag eines Bogens der oben liegenden Wurfbatterien


Kehlturm und rechter Kehlgraben